Am Sonntag, dem 13. November 2011, fand die alljährliche Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Ehrenmal auf dem Friedhof statt, zu der der Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Rentner Deutschlands (VdK) -Ortsverband Ensdorf und die Gemeinde Ensdorf eingeladen hatten.
Die Feier, an der viele Bürgerinnen und Bürger teilnahmen, wurde mit gestaltet von Herrn Pastor Heinz Haser, dem MGV "Concordia", dem MGV "Heiterkeit", dem Fanfarenzug der KJG, dem Verein der Musikfreunde, dem Schützenverein "St. Hubertus", dem DRK, der Freiwilligen Feuerwehr, der Marinekameradschaft und dem Berg- und Hüttenarbeiterverein.
Nachfolgend die Ansprache des Bürgermeisters, Herrn Thomas Hartz, zum Volkstrauertag 2011.
Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
„weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“,
so schrieb der französische Philosoph Gabriel Marcel.
Seit Jahren treffen wir uns, einer guten und wichtigen Tradition folgend, am Volkstrauertag hier auf dem Friedhof. Seit 1996 darf ich am Volkstrauertag meine Gedanken zu diesem Tag wiedergeben.
Viele Kriege, Anschläge, Grausamkeiten von Menschen an Menschen hatte es in dieser jüngeren Vergangenheit gegeben. Ich erinnere beispielsweise an den Balkan-Krieg in Jugoslawien, an die Anschläge der ETA, an die Anschläge des 11. September, an den Krieg in Afghanistan, an die Unruhen und Bürgerkriege in Nordafrika. Die Liste ließe sich um viele Ereignisse ergänzen.
„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“.
Tagtäglich, in vielen Regionen der Erde, fügen Menschen unermessliches Leid anderen Menschen zu.
Heute, 66 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, gedenken wir aller Opfer von Krieg und Gewalt. Aber: denken wir auch daran – was Heinrich Böll einmal einforderte -, „wie die einzelnen gestorben sind, unter welchen Umständen, unter welchen Schmerzen, Flüchen, Gebeten und Schreie?“
Auch heut noch leiden viele Menschen still, weil sie Angehörige und Freunde verloren haben oder weil sie vergewaltigt und vertrieben wurden.
Annegret Kronenberg hat ihre Gedanken in folgendem Gedicht zusammengefasst:
Gestohlener Vater
Du nahmst es mit, das Herz, das mich lieben wollte, die Hände, die mich schützen wollten, die Arme, die mich umschlingen wollten, die Augen, die mich anschauen wollten, die Stimme, die mich rufen wollte, die Gedanken, die mich führen wollten. Nichts kam zurück! Ein Opfer für das Vaterland! |
Oh Land, du hast meine Sonne untergehen lassen. Du hast mir meinen Vater gestohlen. Nicht einmal ein Grab gab man ihm. - Keine Erinnerung – Immer hat mir ein Teil vom Ganzen gefehlt. Niemand und gar nichts konnte er mir je ersetzen. Annegret Kronenberg |
Aber ich will am Volkstrauertag nicht nur von den Senioren sprechen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder oder Jugendliche miterleben mussten, die Vater oder Mutter, Freunde und Verwandte an der Front oder bei Bombenangriffen verloren haben, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, ihre Kindheit in Luftschutzbunkern verbringen oder flüchten mussten.
Ich spreche heute auch von den Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten, die bei uns leben, um endlich einmal Ruhe zu haben: Nachts schlafen ohne die Angst, dass einem das Dach über dem Kopf weggeschossen wird. Einfach über die Straße gehen, ohne sich vor Heckenschützen und Autobomben zu fürchten. Oder einfach nach Hause kommen, und alle sind noch da, gesund und am Leben.
Wir Jüngeren, die wir hier in Deutschland aufgewachsen und groß geworden sind, kennen diese Ängste und Gefahren glücklicherweise nicht. Solche Gefühle und Wünsche kommen in unserem Leben überhaupt nicht vor!
Auch deshalb ist der Volkstrauertag wichtig, auch hierüber müssen wir uns an einem solchen Tag Gedanken machen.
Volkstrauertag, das ist nicht nur gestern, das ist nicht nur Ritual, Pathos, Alibi. Nein, das betrifft viele Menschen auch heute noch, denn das Gedenken zum Volkstrauertag ist nicht nur eine Erinnerung an die Toten, an das Verlorene und Zerstörte, es ist auch Mitgefühl und Verbundenheit mit den Hinterbliebenen und denen, die heute von Gewalt betroffen sind.
„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“.
Die Toten schweigen, aber wir müssen reden. Wir müssen diesen Tag nutzen als Stachel im Fleisch unserer Vergesslichkeit, als Aufschrei dagegen, dass auch heute viele Menschen leiden unter Krieg und Vertreibung, unter Mord und Folter, unter Gewalt und Terror.
Insofern ist der Volkstrauertag also nicht nur ein Tag der Toten, sondern auch der Lebenden.
Wir müssen an einem solchen Tag nachdenken über das, was heute auf der Welt passiert, und wir müssen uns erinnern an das, was einmal passiert war - und wir müssen uns fragen, wie alles kommen konnte: die Unmenschlichkeiten heute, die Unmenschlichkeiten im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Unser ehemaliger Bundepräsident Richard von Weizsäcker formulierte es einmal so: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“
Nehmen wir diese Verantwortung an, nutzen wir den Volkstrauertag dazu, der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken, nutzen wir ihn auch dazu, die Gegenwart und Zukunft zu gestalten, übernehmen wir Verantwortung dafür, was in der Geschichte daraus wird: setzen wir uns gemeinsam für Frieden ein. Nicht schweigend, sondern mit klaren und deutlichen Worten, mit einem klaren Bekenntnis zum Frieden.
Wir alle, die an dieser Gedenkfeier teilnehmen, geben ein klares und deutliches Bekenntnis für den Frieden ab.
Dafür danke ich Ihnen.


